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Elegies in thoughtful Neon

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Songs über Fuchs und Reh, Vater, Sünde und Jesus

Schon wieder eine düstere Sängerin aus der Steiermark: Nach Soap & Skin und Gustav drängt nun die aus Judenburg gebürtige Mimu Merz ins Rampenlicht. Sie wird zu Recht gelobt.

Sehnsucht muss man aushalten können. Sie muss unerfüllt bleiben. Darauf besteht Mimu Merz. Die 30-jährige Medienkünstlerin hat sich mit „Elegies In Thoughtful Neon“ ein gleichsam sanftes wie giftiges Album über Sehnsüchte gebaut. Darauf tummeln sich eigenartige Klanggebilde, die von Gefühlen künden, die ins Leere fahren oder an einer Wand zerschellen.

„Minne und Krieg“ nennt Merz die Pole ihrer Arbeit, die sie lieber in Kreisform denn als Linie zeichnet: „Liebe und Krieg liegen oft so nah beieinander, dass man mit nur einem Schritt schon auf dem anderen Territorium ist.“ Das Leben ist für sie ein ewiger Kreislauf aus Aufbauen und Zerstören. Sie fragt, wie einst die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein, ob in der Destruktion eine Ursache des Werdens liegen kann. Mimu Merz tut es mit den Mitteln der Fabel und einer Liedform, die sich gern Richtung Geräusch auflöst. Zentraler Song ist „Deer And The Fox“. Der Plot ist simpel. Zwei Wesen, Fuchs und Reh, können keinen gemeinsamen Weg finden. Egal, wie sie es auch probieren. Erst nach dem Erledigtwerden kommt es zu einer bizarren Vereinigung – in dem Stück Seife, zu dem sie verarbeitet werden. Ausgangspunkt des Stückes, so Merz, war eine Frage: „Muss man sich – in der Liebe – so lange gegenseitig durch den Fleischwolf drehen, bis man sagen kann, alle Widerstände sind bereinigt?“ Die Fabel inspirierte auch das Cover, das mit Bambiblick lockt. Im Booklet sieht man dann ein Reh, just in dem Moment, als es vom Jäger tödlich getroffen zu Boden sinkt. „Das Bild ist mir wichtig“, sagt Merz, „mir geht es um die Erkenntnis, dass die wesentlichen Momente des Lebens die sind, wenn etwas in dich eindringt. Egal, ob körperlich oder geistig.“

„Ich bin mehr so die Dreckschleuder“

Zum Reiz des Albums trägt wesentlich bei, dass die Liedform immer wieder von Geräuschen angenagt wird oder umgekehrt sich Kakofonien in himmlischen Kitsch verwandeln. Merz, die schon für Technokünstler wie Clara Moto und Ritornell gesungen hat, bekennt: „Ich bin mehr so die Dreckschleuder. Die, die mit mir arbeiten, müssen für den Feinschliff sorgen.“ Dies tat bei ihrem brillanten Debüt der Wiener Peter Kutin, der ihr vorher Zugang zur Improvisationsszene verschafft hatte. „Das war eine wichtige Hörschule für mich“, sagt Merz, deren Kunst zwischen strenger Liedform und einer gewissen Passion für Formlosigkeit pendelt. „Ich kann mich voll am Geräusch eines Wasserkochers aufgeilen“, wundert sie sich glucksend über sich selbst. Ein anderes zentrales Stück, „Father And Sin“, behandelt ihre Abwendung vom Vater: „Ich hab nachgedacht, was man nicht alles auf Vaterfiguren projiziert. Man will gerettet werden, man will den besten Weg vorgeschrieben bekommen, gleichzeitig aber auch sein Freiheit haben.“ Zunächst intoniert sie jubilierend all die Superlative von Stärke und Liebe, mit denen Jesus von den Bibelschreibern bedacht wurde. Am Ende lauert eine erschreckende Erkenntnis: Aus Jesus wurde ein Wurm. „Das Sakrale und das Profane liegt halt oft grauslich nah beieinander“, konstatiert Merz kühl.

Auch ihre Selbsteinschätzung ist durchaus rational. „Was man auf diesem ersten Album hört, ist ein taumelnder, tapsiger Zugang zu kompositorischen Mitteln.“ Bei solch hörenswertem Ergebnis muss man sagen: Den gilt es zu erhalten.

Heute um 21Uhr präsentiert Mimu Merz ihr Debütalbum „Elegies In Thoughtful Neon“ im Liebhartstaler Bockkeller.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.10.2013)

https://liskarecords.bandcamp.com/

 

 

Pressestimmen

“Als Musikerin nannte sich die in Wien und Paris lebende österreichische Medienkünstlerin Mimu Merz anfangs Mimu At Night bzw. Mimu At Nite und begeisterte durch Weird Folk im Zeichen von musikalischem Minimalismus (wichtigstes Instrument: die Ziehharmonika) und eindringlichem Gesang. Dann entdeckte sie ihre Leidenschaft für Improvisation und Neue Musik, und aus dem fragilen DIY-Geklapper wuchs etwas ganz Anderes. Nach langwieriger Arbeit ist im Herbst 2013 endlich das erste Album “Elegies In Thoughtful Neon” erschienen, und es ist großartig geworden.” Falter

“Ihr Albumtitel „Elegies In Thoughtful Neon“ ist auch so ein Spiel mit Worten. Die Klagelieder in nachdenklichem Neon behandeln die Liebe und den Tod. „Das Thema Minne und Krieg“, sagt Mimu, „das ist so ein Klischee. Da musste ich schauen, was man da noch Ekliges und Grindiges herauskriegt.“ Sie hatte das Glück, dass Wien gerade eine florierende Experimentalmusikszene beherbergt. Die Stadt ist im Hauptstädtevergleich verhältnismäßig billig, bietet viele Off-Locations für Proben und Konzerte und seit 1997 kann man an der Musikuniversität die Studiengänge Elektroakustische Komposition und Medienkomposition studieren.

Aus diesem Umfeld kommt auch Peter Kutin, der Mimu als Produzent zur Seite stand. Alle Stücke ihres Albums bis auf eins sind auf Englisch, keinem ist anzumerken, dass Mimu ihr Debüt als „Lernprojekt“ bezeichnet. „Politik der Liebe“ heißt das eine nichtenglische Stück. Der Song dauert sechseinhalb Minuten und enthält die Essenz mehrerer E-Mails, die Mimu an ihre Mutter schrieb – mit der Auflage, trotz dieser Adressatin ihren Gedankenfluss nicht zu zensieren.” https://taz.de/Debuetalbum-der-Wienerin-Mimu/!5057520/